Sermon in St Cyprian's 31.01
Thursday, 11 February 2010
Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag habe ich meine Eltern um ein Motorrad gebeten. „Nein“ haben sie gesagt, „so was sei viel zu gefährlich.“ Ok dachte ich, ich versuche mit Gott darüber zu verhandeln...
„Pass auf Gott, wenn Du mir ein Mottorrad besorgst, werde ich alles, was auch immer, für dich tun, ich werde auch Pfarrer werden, wenn’s sein muss“. Diese Verhandlungen gingen relativ einseitig aus, denn ich wurde, wie versprochen, Pfarrer; nur musste ich zwanzig Jahre warten bis ich mir ein Motorrrad selber anschaffen konnte, das dann nur zwei Jahre später gestohlen wurde. Na ja, so ist das Leben halt. Trotzdem habe ich meine erste Glaubenskrise eigentlich problemlos überstanden: Gott hat nein gesagt und stimmte wahrscheinlich mit meinen Eltern überein.  Basta.

Ein paar Jahre später stand ich kurz vor meiner Ordination. In wenigen Monaten würde ich mich vor dem Erzbischof von York niederknien, um diesem selben Gott mein Leben als Priester hinzugeben. Da starb aber mein Vater im Alter von 57 an Krebs. Es war ein schrecklicher Tod, und er löste natürlich eine zweite Glaubenskrise aus, aber diesmal im Ernst. Warum wollte Gott in diesem Fall „Nein“ sagen. Zu welchem Zweck also? Das konnte ich nicht begreifen und ließ die Frage einfach nur so in der Luft hängen. Während meines ersten Jahres nach der Priesterweihe – ich war damals 24 - ist mir plötzlich die wirkliche Welt widerfahren: ich habe drei Babys beigesetzt und zwei Kinder, die in einem Verkehrsunfall umgekommen waren. Was sollte ich den Eltern dieser Kinder sagen? Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung. Schon wieder eine Glaubenskrise also. Und so ging es weiter. Und bei jeder Krise fragte ich mich, ja was ist das denn für ein Gott, wie kann er so was zulassen usw, die Fragen eben die uns allen bekannt und mit denen wir alle gut vertraut sind. Was war mir passiert? Das Leben war mir passiert, so wie es ist und ich musste mich also dringend und intensiv mit diesen Fragen beschäftigen. Im Laufe der Jahre veränderte sich infolgedessen mein Gottesbild stark, so stark dass ich letzten Endes kein Gottesbild mehr hatte. Dass ein Priester kein Gottesbild mehr hat ist eine ziemlich ernste Sache auch für einen anglikanischen Priester, was Sie zweifellos nachvollziehen können. Aber um so verwirrter und verschwommener wurde mein Gottesbild, desto stärker wurde mein Glaube.

Also kann ich nochvollziehen was Maria passiert ist und was Simeon in ihr erahnt hatte: ein Schwert wird auch deine eigene Seele durchdringen - In den nächsten 33 Jahren wird sich Maria wohl sehr oft fragen - ja was ist das für ein Gott.  Aber diese Frage hat cisch das Volk Israel von Anbeginn an gestellt. Wenn wir die Geschicht Israels verstehen werden wir hoffentlich unsere Fragen beantworten können.

Es fängt alles auf Sinai an. Mose steht auf dem Berg und begegnet zum ersten Mal Jahwe, der sich ihm dort offenbart. Mose kehrt nach Ägypten zurück, führt das Volk Israel zu diesem Berggott, um es mit ihm bekannt zu machen. Es wird durch die Wüste geführt,  besiegt die Amoriter und all die Stämme deren Namen ich nicht aussprechen kann, zieht in das Gelobte Land, baut ein Reich auf, das dann wieder zusammenbricht, wird selber besiegt, in Exil vertrieben, wird von den Griechen, den Persern, den Römern besiegt und besetzt. Und jede Katastrophe hat eine Glaubenskrise ausgelöst. „Wie sollten wir singen ein Jahwelied im Lande der Fremden“ (Ps137)  Aber langsam, über Jahrhunderte hinweg veränderte sich ihr Gottesbild. Wer am Anfang ein Berggott war, der wie ein Mann auf dem Berg wohnte und hin und her wanderte, und anschließend in einem Tempel wohnte und alles hier unten lenkte und richtete, wurde zum mystischen Gott des Ezechiel, der in den Herzen aller Menschen wohnt.

Christus hat uns ein endgültiges Gottesbild gegeben. Was hat er gesagt? „Es kommt die Stunde, wo ihr weder auf dem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet...es kommt die Stunde, und sie ist jetzt da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden.“ (Joh 4:21;23) Und erstaunlicherweise, oder vielleicht auch nicht,  ist das Gottesbild von Jesus in einer Weise eins mit dem Gottesbild auf dem Berg. Wie lautet dein Name?“fragt Mose Gott „Ich bin der Ich-bin“ antwortet Gott darauf. Pures Sein also, der Grund unseres Daseins, wie es Paul Tillich ausgedrückt hat. Geist also. 

So wie es dem Volk Israel passiert ist, passiert es uns. Auf genau die gleiche Weise verändert sich auch unser Gottesbild. Wir fangen mit einem kindischen Gottesbild an, wobei Gott eher dem Weichnachtsmann gleicht, der sich aber dann vielleicht in einen sehr mächtigen und oft unsympathischen Menschen verwandelt, der uns bei irgendwelchen Unartigkeiten nur zu gerne ertappt . Durch unsere persönlichen Glaubenskrisen werden wir aber darauf hingewiesen „die kindische Art abzulegen“ (I Kor 13:11), und Gott im Geist anzubeten. Was bei uns persönlich der Fall ist, gilt auch für unsere Gesellschaft. „Warum Lissabon“ hat Voltaire im Jahre 1755 geschrieen, als ein Erdbeben eine katastrophale Flut verursachte, die Lissabon zerstörte, und damit eine europaweite Glaubenskrise auslöste und Europa in das Zeitalter der Aufklärung hineinschubste; ebenso fragen wir heute: „wie sollte man singen ein Jahwelied an den Seen Haitis?“ Aber Gott ist kein übermächtiger Mann im Himmel, er ist der Geist der Schöpfung, die Seele des Alls, die rasende Energie die alles durchströmt.

Gott ist also Geist, ihn werden wir nur in der Wahrheit anbeten. Wir müssen dann mit unserer eigenen Wahrheit, mit der Wahrhaftigkeit also beginnen, indem wir Gott in unserem Herzen, in unserem tiefsten Wesen zu finden versuchen.  Bilder und Begriffe müssen wir lernen vor der Tür zu lassen. „Wenn Du Gott finden willst, siehe in dein eigenes Herz“ hat der heilige Augustinus gesagt.  Dies ist das erstaunliche an der christlichen Botschaft: den Gott des Universums werde ich in meinem eigenen Herzen finden. Ja in meinem!  „Ich lebe, doch nicht mehr als Ich, sondern Christus lebt in mir“, sagt der heilige Paulus (Gal 2:20)

Wir haben mit einer Fürbitte für ein Motorrad angefangen und sind an dem Punkt angelangt, an dem wir einen solchen kindischen Glauben ablegen und Gott ohne Bilder und Begriffe im Geist anbeten müssen. Mein Abenteuer ist vielleicht nicht so spannend wie das des Volkes Israel dessen Abenteuer auf dem Berg begann und mit dem Gott der überall ist, in allem, durch alles ist endete. Und das Ziel unseres Glaubensabenteuers ist, so der Benediktiner Willigis Jäger eine „Hinwendung des ganzen Menschen zu seinem tiefsten Wesen, zur Wahrheit hin, zu dem was wirklich ist’.  (Suche nach der Wahrheit S 80). Aber wie ist Ihr Abenteuer gelaufen? Welche Krisen haben Sie in Ihrem Leben durchmachen müssen? Und wie sieht Ihr Ziel aus?

Zum Abscluss, ein paar Worte der englischen Mystikerin des 14. Jahrhunderts, Juliana von Norwich:

„Gott ist uns näher denn unsere eigene Seele. Er ist der Grund, darin die Seele gründet. Er ist das Bindeglied, das zusammenhält unser Wesen und unser physisches Sein. In Gott ruht unsere Seele in wahrer Ruhe. In Gott ist unsere Seele innig verwurzelt in ewiger Liebe.“